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Gemeinde der Christen ECCLESIA | |
Gemeinde der Christen "Ecclesia"Aus: Materialdienst 1973/22, S. 345-348, ISSN 0721-2402 Heute - fünfzehn Jahre danach. (Letzer Bericht: 1970, S. 57f) Am 14. November 1958, also vor genau 15 Jahren, verunglückte Hermann Zaiss tödlich bei einem Verkehrsunfall. Er war nicht im strengen Sinn der Gründer einer eigenen Glaubensgemeinschaft, die den Namen "Ecclesia" trägt, vielmehr war die Gemeinschaftsbildung eine natürliche Folge seines Wirkens. "Die Gründung der Gemeinde beruht auf dem lauteren, unverfälschten Worte Gottes", so heißt es in einer Selbstdarstellung in den 'Fröhlichen Nachrichten', der heute von Clara Zaiss herausgegebenen kleinen Monatszeitschrift (1972, S.10) [Clara Zaiss starb am 20 September 1981. Die 'Fröhlichen Nachrichten' werden heute als offizielles Magazin der Ecclesia vom Verband herausgegeben, WH]; "es ist die Botschaft der Gnade Jesu Christi, die durch unseren Bruder Hermann Zaiss begonnen hat..." Als dieses Wort dann so plötzlich verstummte, als der vollmächtige schwäbische Heilungsevangelist aus Untertürkheim bei Stuttgart, der einmal die Niedersachsenhalle in Hannover und die Messehalle in Nürnberg zu füllen vermochte, nicht mehr wirkte, begann eine schwierige Epoche für seine Anhänger. Bis dahin hatten sich in einem Zeitraum von knapp 14 Jahren über 300 örtliche Versammlungen gebildet. Nur wenig organisiert, waren sie von dem Sturmwind der "Zaissbewegung" getragen. Nun kam es zu Streitigkeiten und Spaltungen innerhalb der Gemeinschaft. Vor allem aber ging die Zahl der Anhänger und Gruppen rapide zurück. Im Jahr 1965 kann K. Hutten nur noch 153 "Versammlungsplätze" in der Bundesrepublik und in Westberlin melden, und heute werden offiziell 135 "Gemeinden" in Deutschland, dazu sieben in der Schweiz, sechs in Österreich und vier in Holland angezeigt (Fröhliche Nachrichten 1973, S. 109ff). Die durchschnittliche Größe einer solchen Gemeinde dürfte etwa bei fünfzig Gliedern liegen. Demnach repräsentiert die 'Gemeinde der Christen "Ecclesia"' heute ca. 7000 Gläubige. [Die Zahl der Versammlungsorte hat sich inzwischen bei ca. 80 mit etwa 4000 Gliedern stabilisiert, WH] Sprecher der Gemeinschaft behaupten, dieser Aderlaß sei notwendig gewesen; alle jene "äußerlichen" Christen, die nur um der Heilung und der Sensation willen dazugestoßen waren, mußten sich wieder lösen. Aber das ist sicherlich nur die halbe Wahrheit. Es war kein Nachfolger da. Wohl war Clara Zaiss, die Frau des Evangelisten, von Anfang an eine starke, bestimmende Kraft gewesen. Noch heute leitet sie die Gemeinschaft klar und führungsbewußt, und sie hat hierin beachtliche Fähigkeiten [s.o., WH]. Aber sie ist eben nicht Hermann Zaiss selbst, und zudem hat sie nicht die Gabe der Heilung. Also mußte man sich von Grund auf umstellen. Heute ist man der Überzeugung, daß die Gnadengabe der Krankenheilung "Bruder Zaiss" persönlich gegeben war, also nicht nachgeahmt werden kann. Wohl wird in den Gemeinden über den Kranken gebetet (nach Jakobus 5,14f) und hie und da gibt es Krankengottesdienste. Aber das ist etwas anderes, und wo es geschieht, wird kein Aufheben gemacht. Was trägt heute die Gemeinschaft und macht sie zu einer Sondergruppe? Das liegt nicht ohne weiteres auf der Hand. Eigenwillige "sektiererische Praktiken wurden offensichtlich nicht entwickelt und besondere Themen wurden nicht hochgespielt. Die Ecclesia stellt heute eher eine "Gemeinschaft für entschiedenes Christentum" dar als eine besondere Pfingstgruppe oder Heilungssekte. Fragt man die Zugehörigen selbst, so erhält man als Antwort: Es gilt, das "volle Evangelium" zu verkünden, das "den ganzen Menschen betrifft, nach Geist, Seele und Leib". Man will zur konsequenten Nachfolge Jesu aufrufen, man bezweckt die Bekehrung des Sünders, und man denkt bei alledem traditionell paulinisch-pietistisch. Hier liegt das Besondere also nicht - auch andere Gemeinschafts- und Erweckungskreise tun dasselbe. Ob überhaupt von der Verkündigung, wie sie in Sonntags- oder Evangelistationspredigten und in den Heften der 'Fröhlichen Nachrichten' ihren Niederschlag findet, eine besondere Kraft ausgeht, mag bezweifelt werden. Die Sprache ist die der pietistisch-erwecklichen Laientradition; sie ist arm an Phantasie und folgt weitgehend Schablonen. Das Niveau ist mittelständisch und bieder. Und doch muß eine Anziehungskraft da sein, denn es wird von einem Aufschwung in den letzten drei Jahren berichtet. Auch Jugendliche werden erreicht - die Jesus-Bewegung ist an der Ecclesia nicht wirkungslos vorübergegangen! Das Entscheidende scheint das Erlebnis der religiösen Gruppe zu sein: der kleinen, warmen Gemeinschaft der Glaubenden, die letztlich alle dasselbe denken, dasselbe wollen, von derselben religiösen Sprache angesprochen werden. Die Gemeinschaft nennt sich bezeichnenderweise "Gemeinde der Christen". Das griechische Beiwort "Ecclesia" mag andeuten, daß man sich versteht als die Versammlung der echten, bekehrten Christen, herausgerufen aus der Schar der bloß, christlich Getauften. Sie wollen untereinander und mit dem Herrn Jesus Gemeinschaft haben, wollen sich unter Gottes Wort stellen und im gemeinsamen Gebet sich bewußt werden, daß sie Gottes Kinder sind. Ecclesia ist eine Christenkirche, in der alle gleich sind. Es gibt weder Pfarrer noch amtliche Presbyter. [Dies ist inzwischen nicht mehr ganz richtig. In vielen Gemeinde gibt es sowohl eingestezte Älteste (wenngleich diese nicht als Presbyter bezeichnet werden) und in manchen Gemeinde auch voll- oder teilangestellte Pastoren oder Mitarbeiter, WH] Auf Ämter und Gemeindestruktur, auf Liturgie und rechte kirchliche Lehre wird kein Gewicht gelegt. Hier herrscht kein rechthaberischer Biblizismus vor, hier ist Bekehrungschristentum! Wer sich angesprochen fühlt und den Wunsch hat, dabei zu sein, gehört dazu. Wenn er sich für Jesus entschieden hat und damit "wiedergeboren" ist, wird er getauft. Das geschieht in der Regel anläßlich des Pfingsttreffens der Ecclesia-Christen in Ohligs, seltener in der Heimatgemeinde. [Auch dies ist heute anders. Die allermeisten Taufen finden vor Ort in den Gemeinden statt. Beim Pfingsttreffen wird nicht mehr getauft, WH] Aber es besteht kein Zwang hierfür. Die Taufe begründet auch keine Mitgliedschaft in der Ecclesia. Es gibt überhaupt keine feste Mitgliedschaft, daher wird auch kein Kirchenaustritt verlangt. Organisation ist unwesentlich. Der "Zehnte" oder eine sonstige Steuer ist unbekannt. [Der "Zehnte" ist sehr wohl bekannt und wird auch als Richtschnur gelehrt, es besteht jedoch diesbezüglich kein Zwang oder eine Reglementierung, WH] Wer sich bewährt und besondere Fähigkeiten zeigt, kann als "älterer Bruder" besondere Funktionen in der Gemeindeleitung übernehmen. Darüber hinaus gibt es eine besondere "Bruderschaft" von etwa zweihundert "dienenden Brüdern", die den Gemeinden ihrer Umgebung "mit dem Wort dienen". (Außer Clara Zaiss gibt es bis jetzt keine "Schwestern" in diesem Dienst.) Sie haben also die Funktion eines Predigers, aber nicht diesen Titel; sie erhalten auch keine besondere Ausbildung und ihre Aufgaben sind nicht von Statuten festgelegt. Es hat den Anschein, als handle es sich einfach um eine freie Gemeinschaft von Christen, die Jesus nachfolgen wollen. Aber der Schein trügt. Die Freizügigkeit herrscht nur im Innenraum. Nach außen hin ist die Gemeinschaft nicht offen, sondern geschlossen. Neu erweckte Christen werden selbstverständlich in die eigenen Gruppe geführt und nicht in irgendeine christliche Gemeinschaft entlassen. Zwar behauptet man nicht, die Ecclesia sei mit der wahren Gemeinde Jesu gleichzusetzen, aber die ökumenische Weite der Kirche, die vielen "echten" Christen in anderen Denominationen werden in keiner Weise ins Bewußtsein gehoben. So bestehen auch keine Verbindungen zwischen der Ecclesia und anderen Glaubensgemeinschaften, auch nicht zur Deutschen Evangelischen Allianz. [Wenn diese Aussage je richtig war, so ist sie es heute definitiv nicht. An einigen Orten gibt es sehr wohl eine Zusammenarbiet mit anderen Gemeinden oder der Evangelischen Allianz, WH]. Die großen Kirchen werden zwar nicht angegriffen, doch werden sie als das Gegenbild zur Ecclesia empfunden; in der Abgrenzung gegen sie findet man sich selbst. Auch kommt man nicht ohne Organisation aus. Es gibt eine zentrale Verwaltung. Sie liegt bei der "Muttergemeinde" in Solingen-Ohligs (Adresse: 565 Solingen 11, Merscheiderstraße 40). Diese hat die Rechtsform eines eingetragenen Vereins, dem aller Besitz gehört und dem die verschiedenen Ortsgemeinden als Zweige zugeordnet sind. Leitungsorgan ist ein Bruderrat, dem Frau Zaiss und zehn Brüder angehören. Er berät und regelt die wichtigsten Dinge. Ecclesia ist ein Beispiel für eine Gemeinschaft, die keine sektiererischen Eigenlehren oder exzentrischen Gebräuche hat, und die doch, durch einen starken Impuls einmal entstanden, ihre Sonderexistenz behauptet und ausbaut. Die treibende Kraft scheint dabei vor allem das Erlebnis der warmen Glaubensgemeinde zu sein.
HTML-formatiert und kommentiert von Wolfgang Hutter
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